….und es tut immer noch weh …. offenes Haus für Trauernde
Der Tod eines nahestehenden Menschen verändert alles – nichts ist mehr so, wie es war. Die Trauer um einen geliebten Menschen ist ein langer Weg, und es tut gut – auch noch nach langer Zeit – mit anderen zu sprechen, die ähnliches durchmachen.
Deshalb war es uns wichtig eine Gruppe, über die wir im Folgenden berichten, anzubieten, um Trauernde auf dem Weg ihrer Trauer ein Stück zu begleiten.
Unsere Trauergruppe, zu der Trauernde ohne vorherige Anmeldung kommen können, findet jeden Donnertag - auch an Feiertagen von 19.30 – 21 Uhr statt. Begleitet wird die offene Gruppe von jeweils zwei Hospizhelferinnen unseres Teams, das aus neun ehrenamtlichen Frauen besteht.
Mit dieser Trauergruppe möchten wir Trauernden, die einen nahestehenden Menschen verloren haben, Zeit und einen geschützten Raum anbieten, so sein zu dürfen, wie sie sich gerade fühlen, andere Menschen in ähnlichen Situationen kennen zu lernen, mit anderen sich auszutauschen, aber auch zu schweigen.
Ein wichtiger Grundsatz für uns Begleiterinnen ist: ohne Wertung zuzuhören.
Da wir das Leben der Hinterbliebenen und ihrer Verstorbenen mit ihren Möglichkeiten nicht gelebt haben, können wir uns deshalb nicht anmaßen über Verhaltensweisen, die uns fremd sind, zu urteilen. Alles was ein Trauernder für sich braucht oder macht ist normal! Das, was ihm wichtig ist – ist richtig! Nicht das, was die Gesellschaft meint.
Anhand von einem Abend möchten wir aufzeigen, wie wir versuchen, Trauernde zu unterstützten:
Zu Beginn des Abend ist es für uns zwei Begleiterinnen wichtig, in unserem Raum eine für uns stimmige Atmosphäre zu schaffen. Währenddessen erfahren wir voneinander kurz im Gespräch, wie es uns beiden selber geht und was uns momentan beschäftigt.
Die Trauernden werden von uns persönlich begrüßt, um so eine vertrauensvolle Atmosphäre herzustellen. Zu uns kommen Frauen und Männer jeden Alters. Allen ist der Verlust eines nahestehenden Menschen durch Tod gemeinsam.
Während wir alle Platz nehmen achten wir darauf, miteinander in Blickkontakt zu stehen. Jeder Abend beginnt mit dem Vorlesen eines von uns ausgesuchten Textes. Dies bewirkt, Abstand zum Alltag zu finden, sich auf den Abend einzulassen und sich auf die Gespräche einzustimmen. Die Teilnehmer stellen sich und ihr Schicksal kurz vor und wer möchte, zündet eine Kerze für den Menschen an, um den er trauert oder der ihm besonders nahe ist. Durch das gemeinsame Schicksal sind wir uns alle nahe und können über Dinge sprechen, die Trauernde besonders beschäftigen und wo sich Trauernde in der Welt draußen nicht verstanden fühlen.
Sätze wie:
- Die Zeit heilt Wunden
- Du hast doch deine Kinder
- Du bist doch noch jung, du findest bestimmt wieder jemanden
- Du musst unter die Leute gehen
- Du darfst dich nicht verkriechen
- Schau - wie vielen geht es so
- Nicht immer alles ablehnen, wenn dir Hilfe angeboten wird
- Jetzt ist genug geweint, Du musst dich wieder dem Leben zuwenden
- Er oder sie (Verstorbene) hat es doch jetzt gut
- Reiß dich etwas zusammen
- Mach’ doch wieder ein freundlicheres Gesicht
sind sehr verletzend und zeigen sehr deutlich: Ich werde nicht verstanden. Trauer und Trauernde stören das gesellschaftliche Leben, verderben die gute Laune unserer "Fun-Gesellschaft".
Dadurch stellen sich Trauernde immer wieder Fragen wie:
- Darf ich nach einem Jahr - dem sogenannten Trauerjahr - noch trauern?
- Bin ich noch normal im Wechsel meiner Gefühle, wie Schmerz, Angst, Wut, Schuld, Ohnmacht, Verzweiflung oder auch Erleichterung?
- Ist es normal, im Alltag einfach weiter zu funktionieren oder ist es normal, nichts mehr auf die Reihe zu bekommen?
- Darf ich täglich auf den Friedhof gehen bzw. muss ich oft zum Friedhhof gehen?
- Darf ich das Grab nach meiner Vorstellung gestalten?
- Ist es normal nicht Lesen zu können, keine Musik hören zu können, sich nicht konzentrieren zu können?
- Ist es zulässig, den Wunsch zu äußern bzw. zu verspüren bei dem „Anderen“ sein zu wollen?
- Ist es normal, wenn ich meine, den Verstorbenen zu hören, zu sehen?
- Wann geht es mir besser, wann wird der Schmerz kleiner?
Im Laufe des Abend werden oft Erinnerungen wach, über gemeinsam Erlebtes und über die geplante gemeinsame Zukunft. Diese gemeinsame Zukunft gibt es nicht mehr! Die gesellschaftliche Stellung hat sich geändert. Oft meiden Bekannte, Nachbarn, Kollegen den Trauernden, gehen z.B. auf die andere Straßenseite und manchmal wenden sich auch noch gemeinsame Freunde ab - was natürlich besonders schmerzlich und kränkend ist.
Deshalb ist es auch noch nach Jahren von großer Bedeutung, über die Trauer sprechen zu können: über das gemeinsam gelebte Leben, Geburtstage, Hochzeitstag, Jahrestag, und dabei die immer wiederkehrende manchmal tiefe Traurigkeit zuzulassen.
Die Trauer um einen geliebten Menschen hört nie auf, sie verändert sich nur. Dies spüren wir auch an den Abenden, an denen es uns oft schwer fällt, das Gespräch bzw. den Abend zu beenden. Bevor wir uns von den Trauernden verabschieden, beenden wir den Abend mit einem wiederkehrenden Abschlußgedicht oder einem zu dem Thema passenden Text.
Nach dem wir uns persönlich verabschiedet haben, beginnen wir Begleiterinnen mit der Nachbesprechung und kurze Protokollierung des Abends. Dieser Austausch ist sehr wichtig, da die Abende sehr intensiv und dicht sein können und dadurch die eigene Betroffenheit geklärt werden kann. Für unsere eigene psychische Stabilität findet etwa alle vier Wochen eine Praxisreflexion mit allen Teammitgliedern und der leitenden Psychologin statt. Hier besteht die Möglichkeit über die eigene Befindlichkeit an den Abenden, eigene Gefühle an den Abenden und auch über belastende Situationen zu sprechen.
Jeder empfindet bestimmte Situationen anders. Mit dieser Reflexion und der eintägigen Supervision (die einmal im Jahr stattfindet) versuchen wir uns besser kennen zu lernen, somit unsere Verhaltensweisen besser zu verstehen und eine tiefere (bessere) Festigkeit unseres Teams zu erreichen.
Die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit unserer eigenen Trauer bringt uns auf neue andere Wege und bedeutet somit auch eine Bereicherung für unser Leben.
Nicht die Trauernden sind unnormal, sondern die Situation ist unnormal!